Mein GodMode schafft sich selbst ab – und genau das ist Fortschritt 🤖
Acht Monate, 90 Commits, 42 Versionen. Jetzt lösche ich wieder – weil Claude Code und Codex schneller lernen, als ich Features bauen kann.


Mein GodMode schafft sich selbst ab – und genau das ist Fortschritt 🤖
Seit acht Monaten entwickle ich an einer Sache, die ich GodMode nenne. Der Name ist ein Augenzwinkern: wie bei alten Computerspielen, wo man einen Cheatcode eintippt und plötzlich unverwundbar ist – nur dass mein Cheatcode für Claude Code und Codex gedacht ist.
Ein Orchestrierungssystem: 15 spezialisierte Agenten, Quality Gates, Routing-Regeln, eine eigene Release-Gesetzgebung. Acht Monate, 90 Commits, 42 Versionen. Tage voller Vibe Coding, Testen, Scheitern und Umbauen.
Und seit ein paar Wochen mache ich etwas, das sich ziemlich seltsam anfühlt: Ich füge nichts mehr hinzu. Ich lösche.
Nicht, weil das Projekt fertig wäre. Sondern weil die Modelle so schnell besser werden, dass meine Spezialanweisungen eine nach der anderen überflüssig werden. Was ich dem System mühsam beigebracht habe – wie es Anfragen analysiert, wann es sich selbst kontrolliert, wie es Arbeit aufteilt – kann die neue Modellgeneration zunehmend von allein.
In meinem Changelog steht neuerdings unter „Deprecated“ ein Satz, der harmlos klingt und eigentlich alles sagt: Das Modell macht das jetzt nativ.
🔥Die wichtigste Optimierung lautet plötzlich: weniger Anweisungen
Das Verrückte ist: Genau das ist inzwischen der offizielle Stand des Wissens. Anthropic hat kürzlich beschrieben, wie sie mehr als 80 Prozent ihres eigenen System-Prompts für Claude Code gelöscht haben – ohne messbaren Qualitätsverlust in ihren Coding-Evaluationen.
Und in der Dokumentation der neuesten Modellgeneration steht sinngemäß: Entfernt eure Anweisungen zur Selbstkontrolle. Das Modell prüft seine Arbeit von allein. Wer es trotzdem anweist, verbraucht mehr Tokens, ohne die Qualität zu verbessern.
Man liest das zweimal.
Die wichtigste Optimierung für mein sorgfältig gebautes Anweisungssystem ist laut Hersteller: weniger Anweisungen.
🔥Eine KI prüft gerade, welche KI-Anweisungen wegkönnen
Während ich diesen Text schreibe, läuft im Fenster daneben eine Session, die genau das für die nächste Version ausrechnet. Nicht: Welches Feature kommt dazu? Sondern: Was kann weg, weil das Modell es inzwischen selbst kann?
Ich sitze also hier und schreibe über das Löschen, während nebenan eine KI Vorschläge erarbeitet, welche meiner Anweisungen an sie selbst überflüssig geworden sind.
Wenn man kurz innehält, ist das ein bemerkenswerter Moment.
🔥Von der Basistechnologie eingeholt
Wäre GodMode ein Geschäft, müsste ich jetzt nervös werden. Es war von Anfang an frei nutzbar, privat wie kommerziell – insofern trifft es mich nicht am Kontostand.
Aber der Gedanke lässt sich verallgemeinern, und da wird er unbequem: Was Anthropic und OpenAI gerade an Geschwindigkeit vorlegen, bedeutet, dass Projekte, die gestern sinnvoll waren, morgen erledigt sein können.
Nicht gescheitert – erledigt, im Wortsinn. Von der Basistechnologie eingeholt und geschluckt.
Vor zwei Jahren brauchte man für vieles davon Spezialisten. Heute steuert man es per Sprachbefehl aus der Hosentasche. Die Halbwertszeit von „Das ist mein Vorsprung“ schrumpft von Jahren auf Monate.
Mich motiviert das und es macht mir Angst, beides gleichzeitig. Ich habe aufgehört, das für einen Widerspruch zu halten. Es ist einfach die zutreffende Beschreibung der Lage.
🔥Das Werkzeug schmilzt. Das Verständnis bleibt.
Je länger ich lösche, desto klarer wird mir etwas anderes: Der Wert dieser acht Monate steckt gar nicht in den Dateien, die ich jetzt entferne.
Er steckt darin, dass ich beim Bauen verstanden habe, wie diese Systeme arbeiten – wo sie scheitern, wann sie Aufsicht brauchen und wann man sie einfach machen lassen sollte.
Das Werkzeug schmilzt, das Verständnis bleibt.
Jede Zeile, die ich streichen darf, ist ja auch eine Messung: So viel schlauer sind die Modelle seit der letzten Version geworden. Vielleicht ist mein Changelog längst kein Feature-Log mehr, sondern ein Messinstrument für den Fortschritt der KI – und die „Deprecated“-Sektion die ehrlichste Rubrik darin.
🔥Bauen lohnt sich trotzdem
Wir bauen gerade alle auf schmelzendem Eis. Man kann das beängstigend finden, und das ist es auch.
Man kann aber auch festhalten: Bauen lohnt sich trotzdem – nur eben nicht, weil das Gebaute bleibt. Sondern weil das Bauen der einzige Weg ist, mit dem Tempo in Kontakt zu bleiben, statt ihm nur zuzusehen.
Deshalb höre ich nicht auf. Die nächste Version kommt. Sie wird kleiner sein als die letzte, und daran arbeite ich genauso ernsthaft, wie ich früher am Hinzufügen gearbeitet habe.
Ich werde weiter löschen.
Und ich glaube, das ist das größte Kompliment, das man dieser Technologie machen kann.
GodMode ist Open Source – hier geht es zum Projekt auf GitHub
Dennis' Senf dazu:
"Mein Changelog wird gerade zum Messinstrument für KI-Fortschritt: Jede gelöschte Anweisung zeigt, was das Modell inzwischen selbst kann. 🤖"